Ein ganz normaler Mittwoch im Nähatelier frei-made? Schön wär’s! Zwischen neuen Frühlingsstoffen, begeisterten Kundinnen, geheimnisvollen Fasnachtskostümen und einem ungewöhnlichen Reparaturauftrag wurde es alles andere als langweilig. Und irgendwann musste sogar der Nähtisch umziehen.
Eigentlich hatte ich für diesen Mittwoch einen ganz einfachen Plan: ein paar Näharbeiten erledigen und die angefangenen Projekte voranbringen.
Eigentlich.
Wer ein Nähatelier führt, weiss allerdings, dass ein Tagesplan manchmal eher eine freundliche Empfehlung als eine verbindliche Vereinbarung ist.
8.15 Uhr – Ein grünes Kleid und ein gemütlicher Start
Pünktlich um 8.15 Uhr kam die erste Kundin ins Atelier. Im Gepäck hatte sie ein wunderschönes grünes Kleid, das sie an einer Hochzeit im Dezember in Engelberg tragen möchte.
Wir haben das Kleid gemeinsam abgesteckt, die richtige Länge bestimmt und uns dabei gemütlich unterhalten. So darf ein Mittwoch gerne beginnen!
Nun wartet das Kleid darauf, gekürzt zu werden. Schliesslich soll an der Hochzeit alles perfekt sitzen.
Neue Frühlingsstoffe – und plötzlich ist die Wunschliste wieder länger
Kurz darauf kam Matthias von Swafing mit der neuen Frühlingskollektion für 2027 vorbei. Und damit begann eine meiner liebsten Beschäftigungen: Stoffmuster anschauen!
Fühlen, vergleichen, kombinieren, überlegen, nochmals anschauen und feststellen, dass viel mehr schöne Stoffe dabei sind, als ursprünglich geplant.
Die Möglichkeiten sind schliesslich fast unbegrenzt. Nur die Zeit zum Nähen leider nicht.
Einige neue Frühlingsstoffe habe ich bereits bestellt, andere für später vorgemerkt. Die Vorfreude ist jedenfalls gross!
Vom Onlineshop zum persönlichen Besuch im Stoffgeschäft
Während ich noch zwischen den Stoffmustern sass, kamen drei Kundinnen zum Einkaufen vorbei.
Besonders gefreut haben mich zwei Frauen aus Sursee, die extra einen Ausflug zu frei-made gemacht hatten. Eine davon hatte bereits mehrfach in meinem Onlineshop bestellt und brachte nun ihre Freundin mit.
«Den Stoff habe ich online gesehen! Und den auch!»
Und schon ging die Entdeckungsreise los. Die beiden suchten gezielt nach ihren Favoriten, entdeckten aber beim Stöbern noch einige weitere Schätze.
11 Uhr – Ein Rollo, das etwas aus der Reihe tanzt
Und dann klingelte das Telefon. Ein Handwerker hatte ein Problem mit einem Rollo. Es war beschädigt worden, und ein erster Reparaturversuch hatte leider nicht das gewünschte Ergebnis gebracht.
Ob er am Nachmittag vorbeikommen könnte?
Mittwochnachmittags bleibt mein Atelier allerdings geschlossen. Diese Zeit gehört meinen Kindern. Also fragte ich, ob er es vielleicht noch vor Mittag schaffen würde.
Und tatsächlich: Kurz vor halb zwölf stand er mit dem Rollo vor der Tür.
Wobei «Rollo» in diesem Fall etwas harmlos klingt. Das gute Stück war ungefähr 2,5 Meter lang! Dazu kam eine lange, ziemlich unhandliche Schiene, die sich nicht entfernen liess. Bei einem ersten Reparaturversuch war die Naht leider ziemlich schief geraten. Meine Aufgabe war nun, diese Naht aufzutrennen und den Stoff wieder möglichst gerade anzunähen. Bei einem Rollo dieser Grösse gar nicht so einfach!
Ich überlegte, wie ich dieses riesige Werkstück überhaupt unter meine Nähmaschine bringen sollte. Nun gut. Eine Lösung würde sich hoffentlich finden lassen.

Familienzeit – denn auch zu Hause gibt es Projekte
Am Nachmittag war Familienzeit angesagt. Unter anderem stand ein Schulauftrag auf dem Programm, den mein Kind ausdrücklich ohne Hilfe der Eltern erledigen musste. Gar nicht so einfach, als Mama einfach zuzuschauen und sich mit gut gemeinten Ratschlägen zurückzuhalten. 😉
Dazu kamen noch etwas Lernen, ein Besuch bei meinen Eltern und ein kurzer Abstecher in die Mall. Schliesslich musste auch der Kühlschrank wieder gefüllt und ein Geburtstagsgeschenk besorgt werden.
19 Uhr – Streng geheime Fasnachtsmission
Jetzt wurde es geheimnisvoll! Die Herren von Acervus kamen zur Anprobe ihrer Fasnachtskostüme.
Einige erste Prototypen hatte ich bereits genäht. Nun wollten wir gemeinsam überprüfen, ob alles so sitzt, wie wir uns das vorgestellt hatten.
Nun ja … sagen wir es so: Es gibt noch ein bisschen Arbeit. 😅 Hier etwas zu weit, dort etwas zu eng und an einer anderen Stelle fehlt noch ein Stück. Und dann gab es auch noch einen kleinen «Ratsch»-Moment. Das Geräusch, das man beim Nähen nicht unbedingt hören möchte.
Aber genau dafür sind Anproben schliesslich da! Wir haben Details besprochen und Anpassungen festgelegt. Mehr wird allerdings nicht verraten. Schliesslich soll die Fasnacht eine Überraschung bleiben.
Meine Lippen sind versiegelt. Meine Nähmaschine zum Glück nicht.
Nach 21 Uhr – Wenn ein Rollo das Nähatelier übernimmt
Und dann war da ja noch das Rollo. Nach 21 Uhr machten mein Mann und ich uns an die Reparatur.
Zuerst mussten wir den Nähtisch samt Nähmaschine umstellen. Vor und hinter der Maschine brauchten wir genügend Platz, damit wir das ungefähr 2,5 Meter lange Werkstück überhaupt bewegen konnten.
Andere Paare schauen am Abend gemeinsam einen Film. Wir verschieben den Nähtisch und kämpfen mit einem überdimensionierten Rollo. Auch eine Form von gemeinsamer Freizeitgestaltung. 😉
Die schiefe Naht hatte ich bereits aufgetrennt. Mit Wonder Tape, einem doppelseitigen Klebeband für Näharbeiten, fixierten wir den Stoff, damit beim Nähen möglichst nichts verrutscht.
Dann ging es los: Mein Mann führte die lange, unhandliche Schiene neben der Nähmaschine her, während ich versuchte, das Rollo möglichst gerade durch die Maschine zu nähen. Teamwork war gefragt!
Aber siehe da: Das Nähen funktionierte. Leider waren die Einstichlöcher der alten Naht weiterhin sichtbar. Ganz zufrieden war ich deshalb noch nicht. Vielleicht wäre es besser, das Rollo etwas zu kürzen und den Abschluss nochmals neu zu nähen?
Also hiess es erst einmal abwarten, was der Kunde dazu meint.
Nachtrag vom Donnerstag: Der Kunde hat das Rollo abgeholt und war mit dem Ergebnis zufrieden! Da war ich natürlich erleichtert. Die ungewöhnliche Abendaktion hatte sich gelohnt.
Und dann waren da noch 30 Stirnbänder …
Ganz fertig war ich allerdings noch nicht. Am Dienstag hatten Martina und ich gemeinsam 30 Stirnbänder genäht. Bei diesen mussten noch die Wendeöffnungen geschlossen werden.
Also habe ich auch das noch erledigt. 30 kleine Öffnungen, eine nach der anderen. Immerhin brauchte ich dafür keinen umgestellten Nähtisch.
Genau diese Mischung liebe ich an meiner Arbeit. Im Nähatelier entstehen nicht nur Kleidungsstücke, Taschen und andere Nähprojekte. Hier treffen Menschen, Ideen, Materialien und Geschichten aufeinander.
Manchmal wird aus einem schönen Stoff ein neues Lieblingsstück. Manchmal aus einer kleinen Änderung eine besondere Begegnung. Und manchmal stellt ein einziges Rollo gleich die gesamte Atelier-Einrichtung infrage.
Langweilig wird es jedenfalls nie!
Und eines ist sicher: Für den nächsten Mittwoch nehme ich mir wieder vor, einfach ein paar Näharbeiten zu erledigen. Mal schauen, was dann dazwischenkommt.
Liebe Grüsse aus dem Nähatelier
Corinne
Mit Liebe genäht und mit Herz gemacht.